März 30, 2020 Weiterlesen ... →

Die AIP – Fehlentwicklung oder Ausweg aus der Corona-Krise?

Michael Helbig, Fachanwalt für Sozialrecht, schreibt regelmäßig für die Fachzeitschrift beatmetleben. Nachdem der Bundesrat in der vergangenen Woche seine Beratungen über das vieldiskutierte GKV-IPReG (geplantes Gesetz zur Stärkung der Intensivpflege und Rehabilitation) trotz der aktuellen Corona-Krise im Eilverfahren abschließen wollte, meldet sich Michael Helbig zu Wort. Sein Appell:

Ehrt die Intensivpflege. Finger weg! Wir brauchen sie jetzt und in Zukunft.

Ehrt die intensivpflege. Finger weg! Wir brauchen sie jetzt und in Zukunft. Die Intensivpflege- Fehlentwicklung oder Ausweg aus der Corona-Krise Als Fachanwalt für Sozialrecht, der sich seit Jahren mit Fragen rund um Krankheit und Pflege beschäftigt, ist es mir ein Herzensanliegen, Sie in Zeiten der Corona-Krise in der viele Menschen Angst um die eigene und die Gesundheit ihrer lieben Angehörigen haben, darauf hinzuweisen, dass unsere Sozialsysteme und die darin tätigen Menschen, zu denen neben Ärzten, Fachärzten, Therapeuten insbesondere auch Pflegefachkräfte, Pflegehilfskräfte und Helfer gehören, bis dato noch voll funktionsfähig sind. Als eines der wenigen Länder weltweit haben wird es in Deutschland geschafft, dass von Krankheit und Pflege Betroffene rund um die Uhr auf ein flächendeckendes Netz von hochprofessionellen Leistungserbringern zurückgreifen können. Hierbei handelt es sich sowohl um Spezial- und Akutkliniken, Krankenhäuser, Reha- und Therapieeinrichtungen, als auch um stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen, wobei letztere, um mit den Worten der Bundeskanzlerin zu sprechen, zwar nicht überall einen Telefon- oder Internetempfang haben, aber häusliche Krankenpflege bei Bedarf auch an jeder Milchkanne erbringen können und auch erbringen. So unterschiedlich die einzelnen Bereiche, ob stationär oder ambulant auch sein sollten, ihnen gemein sind die hohen Anforderungen an die Qualität der Leistungserbringung, der Qualifikation des Personals und die sachliche Ausstattung. Auch wenn die Leistungserbringer selbständig agieren, verbindet diese ein professionelles Fallmanagement, welches einen möglichst reibungslosen Übergang von einer in eine andere Versorgungsform ermöglicht. Lückenlos können bisher in unserem System auch schwerstkranke Menschen, bis hin zur Intensivbeatmeten oder komatösen Patienten nach einer Krankenhausbehandlungen entweder stationär in sogenannten Phase F- Einrichtungen oder aber auch ambulant ortsnah in Wohngemeinschaften oder sogar zuhause weiterversorgt werden. An jedem Versorgungsort werden neben dem entsprechenden Pflegepersonal auch die für die Versorgung notwendigen Pflegehilfsmittel vorgehalten. Zu diesen gehören im Bedarfsfall auch Sauerstoff- und Beatmungsgeräte. Die mag u.a. auch die Begründung dafür, weshalb wir in Deutschland in Relation zur Bevölkerung über eine sehr hohe Anzahl an entsprechende Fachpflegekräften und Beatmungsgeräten verfügen, die in anderen Ländern – wenn überhaupt- in anderen Ländern erst beschafft werden müssen.Die bestehenden Versorgungsstrukturen, die aufeinander aufbauen, sich ergänzen und die ohneeinander nicht denkbar sind, ermöglichen uns in der aktuellen Krisenlage nicht nur Corona-Fälle auch ambulant zuhause zu behandeln und hierdurch stationäre Einweisungen zu vermeiden oder zumindest hinauszuzögern. In anderen Ländern, wie Italien oder Spanien, die entsprechende ambulante Versorgungen nicht kennen oder diese nur soweit ermöglichen, als dass die häusliche Pflege durch Familienangehörige erbracht wird, sind Patienten mit fehlender Selbstversorgungsmöglichkeit gezwungen, stationäre Einrichtungen aufzusuchen, was diese zusätzlich belastet und den Patienten im Übrigen einem Infektionsrisiko aussetzt.Doch selbst dann, wenn auch in unserem Versorgungssystem eine ambulante Behandlung nicht mehr möglich ist, und der Patient im Krankenhaus weiterbehandelt werden muss, sichern die stationären und ambulanten Nachversorgungen nach Abschuss der Krankenhausbehandlung eine schnelle Patientenverlegung, wodurch sich zum einen die klinischen Aufnahmekapazitäten erhöhen, zum anderen die Infektionsrisiken für Patienten minimieren lassen. Dafür das unser System funktioniert, könnten auch die Mortalitätsraten der von Corona-Infizierten sprechen. Diese lagen nach den Erhebungen der Johns-Hopkins University vom vergangenen Freitag in Deutschland bei 0,62% wohingegen die Rate in Italien bei 10,19% und Spanien bei 7,70%. Das bestehende System aus ambulanten und stationären Versorgungsstrukturen sichert uns, auch in der derzeitigen Krisenlage, eine medizinische Versorgung, auf welche wir vertrauen können und auch sollten. Zur Sicherung des Systems können wir alle beitragen. Jeder einzelne bleibt aufgerufen, sich an die behördlichen Anordnungen zu halten und alles zu unterlassen, was eine weitere Verbreitung des Virus begünstigen könnte. Aufgabe der Politik ist es aktuell, allen Bereichen der Pflege die notwendigen Pflegehilfsmittel zur Verfügung zu stellen, die diese auch und gerade zum Schutz des dort tätigen Personals benötigt, zu beschaffen. Es kann und darf nicht sein, dass zwar Pflegepersonal und technische Ausstattung vorhanden ist, die Versorgung jedoch deshalb unterbleiben muss, weil es an Handschuhen, Kitteln, Mundschutz oder Desinfektionsmitteln mangelt. Langfristig muss es die Aufgabe der Politik sein, sämtliche Bereiche der Pflege, ob stationär oder ambulant gleichermaßen zu fördern und alles zu unterlassen, was das funktionierende Miteinander derselben – aus welchen Gründen auch immer- gefährden könnte. Dies gilt insbesondere mit Blick auf das vom Gesundheitsministerium aktuell in das Gesetzgebungsverfahren eingebrachte Gesetz zur Stärkung von intensivpflegerischer Versorgung und medizinischer Rehabilitation (GKV- IPREG). In der jetzigen und in der Sitzung des Bundesrates vom vergangenen Freitag auch in Teilbereichen beanstandeten Fassung, stellt das Gesetz eine Gefahr für das Gleichgeweicht des Systems dar, so dass dieses entgegen seiner Bezeichnung nicht zu dessen Stärkung sondern Schwächung führen würde. Dies muss gerade mit Blick auf die gegenwärtige Lage und zukünftige nicht auszuschließende Gefährdungslagen verhindert werden. Unser Gesundheitssystem -in concreto die Intensivpflege- ist keine Fehlentwicklung, wie dies das Ministerium zur Begründung des Gesetzes anführt, sondern der Ausweg aus der Krise. Ich bedanke mich ausdrücklich bei allen, die dieses System mittragen, insbesondere den Ärzten und Pflegekräften, die durch ihren unermüdlichen Einsatz Hoffnung und Zuversicht geben. Bleiben Sie alle gesund.

Gepostet von MH Rechtsanwälte am Sonntag, 29. März 2020

Veröffentlicht in: News