Oktober 19, 2020 Weiterlesen ... →

Keiner will ein „Ehrenpflega“ sein

Am 12. Oktober startete die Youtube-Serie „Ehrenpflegas“, initiiert durch das Bundesfamilienministerium. Im Stil der „Fack ju Göhte“-Filme, die vor einigen Jahren in den Kinos liefen,  sollen junge Leute unterhaltsam und überspitzt für Pflegeberufe begeistert werden. Die Serie ist Teil der Kampagne „Mach Karriere als Mensch!“. Seit Veröffentlichung der Miniserie am 12. Oktober wird über die Darstellung der Pflegeberufe in der Fachwelt heftig und kontrovers diskutiert. 

So sagt zum Beispiel Benjamin Schiller, Vorstandsmitglied der Pflegekammer Niedersachsen: „Viele professionell Pflegende können sich in der sehr oberflächlichen Darstellung des Berufes in der Serie nicht wiederfinden. Leider entsteht der Eindruck, dass Pflegeberufe das Sammelbecken für gescheiterte Existenzen sind. Die Darstellung des Berufs erfolgt viel zu oberflächlich und ist auf typische Klischees reduziert. Vielleicht wird mit diesem Format die Zielgruppe der Teenager angesprochen, aber viele langjährig Beschäftigte fühlen sich in ihrer Tätigkeit nicht wertgeschätzt. Vor allem hätten echte Pflegeexperten aus der Praxis im Vorfeld eingebunden werden müssen. Professionelle Pflege kann nicht jeder. Die Idee für den Film ist gut, aber er zeigt kein realistisches Bild des hochkomplexen und professionellen Berufs des Pflegefachmanns bzw. der Pflegefachfrau. Die Pflege muss weg vom Darstellen von Stereotypen, hin zu realistischen Bildern fernab von Fernseh- und Youtube-Serien.“

Und auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe DBfK findet klare Worte und distanziert sich von der Darstellung des Berufs und der Ausbildung in der Serie. Die Darstellung der Anforderungen an Pflegefachpersonen verletze Selbstverständnis, Ethos und Pflegefachlichkeit der Berufsgruppe. „Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass in der bewusst jugendlich gehaltenen Herangehensweise eine Zielgruppe angesprochen werden soll, die zunächst überhaupt erst mal auf die Pflegeberufe als Ausbildungsoption aufmerksam gemacht werden muss. Dass der Zuspruch in dieser Generation größer sei, kann nicht als Rechtfertigung dafür herhalten, alle anderen Vertreterinnen und Vertreter der Berufsgruppe zu verprellen. Wichtig ist vor allem, dass ein den tatsächlichen Anforderungen in den Pflegeberufen realistisch entsprechendes Bild gezeichnet wird. Dies leistet die Serie auch im Zusammenspiel mit den anderen Kampagnen-Bausteinen nicht. Die klischeehafte Überzeichnung in der Mini-Serie „Ehrenpflegas“ spiegelt allenfalls die Vorurteile der Macherinnen und Macher wider“, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbands. Der Verband kritisiert auch, dass keine der die Pflegeberufe vertretenden Organisationen in die Pläne der Miniserie, deren Vorbereitung oder Realisierung einbezogen waren. „Die Ausbildungsoffensive Pflegeberufe, in der auch der DBfK geführt wird, ist als Arbeitsgruppe nicht einbezogen worden. Ein von den Machern nachgeschobener Realitätscheck kann die Defizite in der Gestaltung der Serie nicht nachträglich ausgleichen. Wir distanzieren uns ausdrücklich von der Darstellung der bereits in den ersten Sekunden erzeugten Aussage, bei den Pflegefachberufen handele es sich um ein Auffangbecken für alle Personen, denen an anderer Stelle keine Perspektive eröffnet wird. Pflege ist ein anspruchsvolles Handlungsfeld, für das es Kompetenzen und Fähigkeiten braucht. Niemand stolpert zufällig in eine Pflegeausbildung.“

Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz äußert sich auf ihrer Homepage: „Als Landespflegekammer begrüßen wir jede Initiative, die der Jugend die gesamtgesellschaftliche Bedeutung unserer Berufsgruppe vor Augen führt. Die Videoreihe „Ehrenpflegas“ des Bundesfamilienministeriums, ein Teil der Kampagne „Mach Karriere als Mensch“ mit dem Ziel der Gewinnung von Ausbildungsinteressenten, verfolgt ganz offensichtlich einen richtigen Zweck, aber eben mit sehr strittigen Mitteln. Daher ist die Empörung vieler Pflegefachpersonen durchaus verständlich. Es besteht die große Sorge, dass das Ansehen unseres Berufsstandes durch solche Kampagnen immer mehr leidet. Das ist nicht hinnehmbar. Eine gute Nachwuchsförderung ist gerade in der beruflichen Pflege essentiell, um Mehrbelastungen in Einrichtungen und Kliniken längerfristig zu unterbinden und Pandemien besser bekämpfen zu können. Daher ist es kontraproduktiv, ein so verzerrtes Bild des Pflegeberufs in die Öffentlichkeit zu tragen. Weder Pflegefachpersonen noch den Pflegebedürftigen ist damit geholfen. Wir empfehlen daher, die Videos aus der Kampagne herauszunehmen. Nur so kann verhindert werden, dass die positive Intention der ganzen Kampagne weiterhin gefährdet bzw. negativ konnotiert überlagert wird. Insbesondere das illustrierte Bild der Altenpflege wird der außerordentlichen Leistung vieler Kolleginnen und Kollegen nicht einmal ansatzweise gerecht“, so Dr. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz. „Auch in Zukunft werden wir Ausbildungsoffensiven in der Pflege unterstützen. Wichtig ist hierbei jedoch, dass bei der Konzipierung solcher Kampagnen unsere Berufsgruppe viel stärker miteinbezogen wird. Daher steht die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz künftig gerne als berufsfeldkompetenter aber auch durchaus kommunikationserfahrener Ansprechpartner zur Verfügung, um solche Initiativen noch ein Stückchen besser an die Berufssettingperspektive anzupassen. Durch eine gute Zusammenarbeit wird es uns gelingen, die professionelle Pflege für die nächsten Generationen wieder attraktiv zu machen. Die Pandemie zeigt uns gerade eindrucksvoll, wie sehr wir auf eine gute Personalausstattung und eine Entlastung der derzeit tätigen Pflegefachpersonen angewiesen sind“, so Mai.

Es wurde auch bereits eine Online-Petition gegen die Serie gestartet. 

Veröffentlicht in: News